Bewegende Mahnwache

Reinickendorf gegen Rechts lädt zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“

Rund 75 Personen folgten dem Aufruf des Bündnisses und gedachten, ohne Beteiligung der AfD, am Gedenkort Eichborndamm 238 der Opfer des Nationalsozialismus. Es war eine Alternative zur fast zeitgleich stattfindenden offiziellen Gedenkveranstaltung der BVV und des BA, an der auch die AfD teilnahm.

In emotional bewegenden Beiträgen wurde über die Geschichte dieses Gedenkortes informiert und einige Biografien der hier getöteten sogenannten „Reichsausschusskinder“ vorgetragen.
Von 1942 bis 1945 starben hier mindestens 81 Kinder an den Folgen von medizinischen Experimenten der „Kinderfachabteilung“ der Nervenklinik Wiesengrund.

In Redebeiträgen wurde beklagte, dass die beteiligten Ärzte Beispiele für viele seien, die ungestraft die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus in die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik mitgenommen haben und dass wir heute wieder Anzeichen für ein Wiederaufleben dieser Ideologie sehen.
Auch wurde darauf hingewiesen, dass heute wieder rechtsextreme Parteien versuchen zu polarisieren, die Bandbreite des Sagbaren zu erweitern um eine menschenfeindliche Politik in Bezug auf Inklusion und Migration durchzusetzen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Botschaft „Nie wieder Faschismus“, die auch auf dem zentralen Banner deutlich sichtbar gemacht wurde.

Das Putzen der Stolpersteine vor Ort, eine Schweigeminute und das Niederlegen von Blumen und Kerzen an der Gedenktafel bildeten den würdevollen Abschluss dieser bewegenden Mahnwache.


Rede von Veronika am 27.01.2026

Was hier hinter den Mauern vor 85 Jahren geschah ist auch heute noch unvorstellbar für uns. Und für viele Menschen, die damals gelebt haben, war es das vermutlich auch. Natürlich wussten und ahnten viele, dass hier schlimme Verbrechen stattfanden, genauso wie in dem Konzentrationslager in und außerhalb Deutschlands. Es wollte nur niemand so recht glauben, dass Kinder gezielt getötet werden. Selbst die Nazis befürchteten, dass es hiergegen Widerstand geben würde und versuchten, die systematische Ermordung von Kindern geheim zu halten.
Sie schafften es stattdessen, eine Gesellschaft so zu vergiften, dass sie eine Infrastruktur schaffen konnte, die die heimliche Ermordung überhaupt möglich machte. Über Jahre hinweg wurden Sprache und Rhetorik gezielt verändert und eingesetzt, um Menschengruppen zu diskreditieren, zu entwerten, als unwürdig darzustellen. Gesetze zur sogenannten Rassenhygiene wurden nach und nach umgesetzt und verschärft, um weiter die Vorstellung von „besseren“ und „schlechteren“ Menschen zu verbreiteten. Somit war es dann auch gesellschaftlich akzeptabel, wenn Kinder mit Behinderungen in sogenannte Kinderfachabteilungen eingewiesen wurden, zur ‚Behandlung‘. Dort wurden sie dann gezielt getötet oder sie starben bei Experimenten oder durch Vernachlässigung und Mangelernährung.
Kurz – die Bandbreite des Akzeptablen wurde so weit vergrößert, dass das Inakzeptable hinter Stacheldraht und Mauern stattfinden konnte.
Im damaligen Deutschland gab es 30 solcher Kliniken, mindestens 5000 Kinder wurden dort ermordet. Das Ausmaß von Krankentötungen in den besetzten Gebieten ist bisher nur punktuell bekannt.
Wann genau es zu spät war, diese Entwicklung zu verhindern oder gar umzukehren, lässt sich sicher nicht genau feststellen. Doch eins ist sicher, der um 1870 aufgekommene Sozialdarwinismus, der rassistische, pseudowissenschaftliche Argumente zur Tötung von Menschen mit Behinderungen lieferte, diente den Nationalsozialisten als Grundlage für ihre mörderische Politik 60 Jahre später.
Wo stehen wir heute? Weit entfernt von solchen unmenschlichen Gräueltaten, das muss klar gesagt sein. Und dennoch sind wir nicht auf der sicheren Seite, wir riskieren unsere Menschlichkeit zu verlieren. Denn dazu muss es nicht zu staatlich sanktionierten Morden kommen. Auch die systematische Diskriminierung von Gruppen führt zu Unmenschlichkeit, Leid und Verzweiflung. Und in diese Richtung gehen wir, geht unsere Politik.
Seit Jahren schon verschärft sich die Rhetorik gegenüber vielen Gruppen, werden völkisch besetzte Begriffe wiederbelebt. Seit 2018 ist zum Beispiel der Begriff ‚Heimat‘ Teil des Namens eines wichtigen Bundesministeriums, erst beim Ministerium des Inneren, seit letztem Jahr beim Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat.
Die großen Probleme des Landes werden Zugezogenen und Menschen mit migrantischen Hintergrund zur Last gelegt, sowohl von Regierung als auch von den meisten Oppositionsparteien, allen voran die AfD.
Die wirtschaftliche Lage wird mit den angeblich überbordenden staatlichen Sozialleistungen begründet, Teilzeitarbeit als Lifestyle herabgewürdigt. Die Rhetorik von Kanzler Merz zur Leistungsgesellschaft wertet indirekt alle die Menschen ab, die durch Erkrankung, andere Einschränkungen, oder durch Pflegearbeit nicht Vollzeit arbeiten können.
Die Misere ist ja auch die, dass viele in der Regierung wissen, dass diese Schuldzuweisungen aus der Luft gegriffen sind. Es sind nicht die Geflüchteten, Erkrankten, die Menschen, die nicht Vollzeit arbeiten können, die für Ungleichheit, Armut, Wohnungsnot und Klimawandel verantwortlich sind. Es ist der völlig fehlgeleitete Versuch, der AfD das Narrativ zu entreißen, indem sie sie nachäfft.
Nicht nur funktioniert diese Strategie nicht, wie man an den letzten Wahlen und aktuellen Umfragen ablesen kann. Zusätzlich dient solches Gerede in einer polarisierten, von rechtsextremen Agitatoren gespaltenen Gesellschaft nur dazu, die Abwertung von Menschengruppen zu verstärken, die Bandbreite des Akzeptablen zu erweitern. Wenn die AfD an die Macht kommt, dann wird sie es um ein Vielfaches leichter haben ihre menschenfeindliche Politik in Bezug auf Inklusion und Migration durchzusetzen, die Demokratie weiter zu zersetzen, und die Deportation von Millionen von Menschen einzuleiten.
Dagegen müssen wir protestieren, demonstrieren, die Regierung zur Rechenschaft ziehen. Ich bitte die hier allen Anwesenden, sich weiter zu engagieren, zu widersprechen, wenn Menschengruppen abgewertet werden, im privaten Freundeskreis wie in der Öffentlichkeit. Nur gemeinsam können wir es schaffen, das unser NIE WIEDER auch wirklich NIE WIEDER heißt.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Wir wollen nun eine Schweigeminute für die hier ermordeten Kinder einlegen und Blumen ablegen.
Anschließend werden wir die Stolpersteine säubern, Sie sind herzlich eingeladen, daran teil zu nehmen.
Vielen Dank.

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Rede von Bernd zum gleichen Anlass

Liebe Freund:innen,
eines der dunklen Kapitel dieser Kinderklinik sind grausame medizinische Experimente, die zwischen 1942 und 45 durchgeführt wurden. Eine Untersuchungsmethode , die hier bei nahezu allen Kindern angewendet wurde, ist die sogenannte Luftenzephalographie, eine Methode zur Kontraststeigerung bei der Röntgendarstellung der Gehirnventrikel. Dabei werden Kanülen im Wirbelsäulenbereich oder im Hinterhauptloch benutzt, um Gehirn-und Rückenmarksflüssigkeit zu entnehmen und dafür Luft in die Gehirnventrikel zu injizieren. Die Methode wurde in Deutschland seit über 20 Jahren verwendet und es war 1942 bekannt, dass bei Kindern besonders schwere Begleitwirkungen und häufige Todesfälle auftreten. Eine Beschreibung der Symptome nach einer solchen Luftenzephalographie stammt aus der Charite: „ Das Kind liegt stöhnend in dem riesigen Männerbett. Jedes Mal, wenn draußen auf dem Flur jemand vorbeigeht,schreit es laut auf. Er hat wahnsinnige, unvorstellbare Kopfschmerzen. Die kleinste Erschütterung lässt sie bis zur Unerträglichkeit anschwellen.“ Die Nationalsozialisten versprachen sich von der Prozedur eine Hilfe bei der Abgrenzung erworbener von angeborenen Schäden und damit für die Selektion zu Sterilisation und Euthanasie.
Mindestens 18 Kinder dieser Klinik starben in Folge dieser Prozedur, wie aus erhaltenen Patientenakten hervorgeht.
Leiter der Fachabteilung Wiesengrund war Ernst Hefter, Facharzt für Neurologie und Psychatrie, NSDAP-Mitglied und Gutachter für die T4-Tötungsaktion von sogenanntem lebensunwertem Leben. Abteilungsleiter und zuständig für die Luftenzephalographien war Gerhard Kunath, ebenfalls Facharzt für Neurologie und Psychatrie, SA- und NSDAP-Mitglied und Gutachter zur Selektion für Euthanasien für den zuständigen Reichsausschuss. Kunath stellte Gehirne der verstorbenen und getöteten Kinder für einen Kollegen zur Verfügung: Berthold Ostertag, Pathologe am Rudolf Virchow Krankenhaus. Ostertag, der schon 1933 als SA-Mann den damaligen jüdischen Leiter der Pathologie am Krankenhaus Moabit vertrieben hatte, war ebenfalls NASAP-Mitglied und Zuarbeiter für den Reichsausschuss in Sachen Kindereuthanasie.
Wenig bekannt ist über die Fachärztin Gertrud Reuter, Assistenzärztin im Wiesengrund.
Nur Ernst Hefter wurde nach 1945 wegen 55 Sterilisationsgutachten und 30 Tötungen verurteilt und starb 1947 im Gefängnis.
Kujath wurde entnazifiziert und avancierte zum Leiter der Kinderklinik der FU, wo er bis in die frühen 1970er tätig war.
Reuter praktizierte bis 1981 als Fachärztin in Essen.
Ostertag wurde nach der Entnazifizierung Leiter der Neuropathologie an der Tübinger Uniklinik und erhielt 1964 das Bundesverdienstkreuz. Nach seinem Tod entdeckte man in Tübingen seine Hinterlassenschaft von 106 histologischen Gehirnschnitten von Kindern der Wiesengrundklinik.
Die Ärzte Reuter,Kunath und Ostertag mögen Beispiele für viele sein, die ungestraft die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus in die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik mitgenommen haben. Wir sehen heute Anzeichen für ein Wiederaufleben dieser Ideologie. Helfen Sie bitte, das zu verhindern!
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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